Kettenverschleiß messen und Fahrradkette wechseln: der richtige Zeitpunkt spart Geld
Wie du die Längung deiner Fahrradkette misst, wann sie gewechselt werden muss, wie du die passende Kette findest, sie richtig kürzt und mit Kettenschloss oder Nietstift montierst.
Fahrradketten „längen“ sich mit der Zeit. Das klingt seltsam, denn die einzelnen Metallteile werden natürlich nicht länger. Gemeint ist, dass sich die Gelenke zwischen Bolzen und Hülsen abnutzen. Dadurch entsteht in jedem Glied ein winziges Spiel, und über die ganze Kette summiert sich das zu einer messbaren Verlängerung. Eine gelängte Kette greift nicht mehr sauber in die Zähne von Ritzeln und Kettenblättern und nutzt sie ungleichmäßig ab.
Wer die Kette rechtzeitig wechselt, kann mit einem Satz Ritzel mehrere Ketten fahren. Wer zu spät wechselt, muss Kette, Kassette und oft auch Kettenblätter zusammen erneuern. Dieser Ratgeber zeigt dir, wie du den Verschleiß misst, wann der richtige Zeitpunkt ist und wie du eine neue Kette selbst montierst.
Warum der richtige Zeitpunkt so wichtig ist
Ritzel und Kettenblätter passen sich im Laufe der Zeit an die Kette an, mit der sie gefahren werden. Solange die Kette nur leicht gelängt ist, nutzen sich die Zähne kaum ab. Wird die Kette aber stark gelängt gefahren, schleifen die Rollen die Zähne zu spitzen, schrägen Formen ab. Montierst du dann eine neue Kette, passt sie nicht mehr zu den abgenutzten Zähnen: Sie springt unter Last, besonders auf den häufig gefahrenen Ritzeln.
Die Kosten sprechen eine klare Sprache: Eine neue Kette kostet für Alltagsräder etwa 15 bis 50 Euro. Eine neue Kassette liegt je nach Gangzahl und Qualität bei 30 bis über 100 Euro, Kettenblätter kommen noch dazu. Rechtzeitiges Wechseln lohnt sich also.
Verschleißgrenzen: Wann ist die Kette fällig?
Die Längung wird in Prozent angegeben. Als Faustregeln gelten:
| Kettentyp | Verschleißgrenze |
|---|---|
| Ketten für 11- und 12-fach-Schaltungen | etwa 0,5 % |
| Ketten für 9- und 10-fach-Schaltungen | 0,5 bis 0,75 % |
| Ketten für bis zu 8-fach-Schaltungen | etwa 0,75 % |
| Ketten für Nabenschaltungen und Singlespeed | bis 1 % |
Manche Hersteller geben eigene Werte an. Im Zweifel orientierst du dich an der Herstellerangabe oder wechselst früher. Bei sehr schmalen modernen Ketten mit vielen Gängen reagieren die Ritzel empfindlicher auf Verschleiß.
So misst du den Kettenverschleiß
Mit einer Kettenverschleißlehre
Die einfachste und zuverlässigste Methode. Eine Kettenlehre kostet nur wenige Euro und hat meist zwei Seiten, zum Beispiel für 0,5 und 0,75 Prozent.
- Lege die Lehre auf die Kette, sodass der Haken auf einer Seite zwischen zwei Rollen sitzt.
- Versuche, die andere Seite der Lehre in die Kette zu senken.
- Fällt die Lehre auf der 0,5-Prozent-Seite vollständig zwischen die Rollen, ist diese Grenze erreicht. Fällt sie auch auf der 0,75-Prozent-Seite hinein, ist die Kette deutlich verschlissen.
- Miss an mehreren Stellen der Kette, weil sie sich ungleichmäßig abnutzen kann.
Achte darauf, die Lehre ohne Kraft aufzusetzen. Wer drückt, verfälscht das Ergebnis. Einfache Lehren messen teilweise auch den Verschleiß der Rollen mit und zeigen daher etwas früher Verschleiß an. Das ist für den Alltag kein Nachteil.
Mit einem Zollstock oder Maßband
Fahrradketten haben einen Gliederabstand von einem halben Zoll, also 12,7 Millimetern. Zwölf volle Glieder, also 24 Nieten, sind bei einer neuen Kette genau 12 Zoll oder 304,8 Millimeter lang.
- Halte die Kette unter leichter Spannung, am besten auf dem Rad, während du leicht auf das Pedal drückst.
- Lege den Nullpunkt eines Zollstocks exakt auf die Mitte eines Nietbolzens.
- Zähle 24 Nieten weiter und lies ab.
- Bei etwa 306,3 Millimetern ist die Kette um 0,5 Prozent gelängt, bei etwa 307 Millimetern um 0,75 Prozent.
Diese Methode erfordert genaues Arbeiten, funktioniert aber auch ohne Spezialwerkzeug.
Der grobe Daumentest
Ziehe die Kette auf dem größten Kettenblatt an der Stelle, an der sie vorne aufliegt, nach vorne weg. Lässt sie sich so weit abheben, dass man große Teile eines Zahns sehen kann, ist sie wahrscheinlich verschlissen. Dieser Test ist ungenau und ersetzt keine Messung, kann aber ein erster Hinweis sein.
Wie oft solltest du messen?
Bei Alltagsrädern reicht es, alle 500 bis 1.000 Kilometer oder bei jeder größeren Reinigung zu messen. Bei Pedelecs, die mehr Kraft übertragen, und bei Fahrten bei Regen und im Winter lieber öfter. Notiere dir den Kilometerstand beim Wechsel, so bekommst du ein Gefühl dafür, wie lange deine Ketten bei dir halten.
Die richtige neue Kette
Ketten unterscheiden sich vor allem in der Breite. Sie muss zur Anzahl der Ritzel passen:
- Einfach (Singlespeed, Nabenschaltung): Ketten mit 1/8 Zoll oder 3/32 Zoll Innenbreite, je nach Ritzel.
- 5- bis 8-fach: 3/32-Zoll-Ketten mit einer Außenbreite von etwa 7 Millimetern.
- 9-fach, 10-fach, 11-fach, 12-fach: zunehmend schmalere Ketten. Hier muss die Kette genau zur Gangzahl passen, und viele Hersteller empfehlen, Kette und Kassette desselben Systems zu kombinieren.
Kaufe die Kette am besten mit der passenden Bezeichnung für deine Schaltung. Neue Ketten sind meist zu lang und müssen gekürzt werden. Gängig sind Ketten mit 114 bis 126 Gliedern.
Werkzeug für den Kettenwechsel
- Kettennieter: zum Öffnen und Kürzen der Kette und je nach System zum Schließen.
- Kettenschlosszange: erleichtert das Öffnen und Schließen von Kettenschlössern.
- Kettenschloss oder Nietstift, passend zur Kette. Viele Ketten werden mit einem Schloss geliefert.
- Handschuhe und Lappen.
Die richtige Kettenlänge
Ist die Kette zu kurz, kann sie im größten Gang das Schaltwerk beschädigen oder gar abreißen. Ist sie zu lang, hängt sie im kleinsten Gang durch, schlägt gegen den Rahmen oder springt ab.
Die einfachste Methode bei gleichem Antrieb: Lege die alte und die neue Kette nebeneinander und kürze die neue auf dieselbe Länge. Wichtig: Die alte Kette ist durch den Verschleiß minimal länger, zähle deshalb die Glieder statt nur die Länge zu vergleichen.
Wenn du die Länge neu bestimmen musst:
- Lege die Kette auf das größte Kettenblatt und das größte Ritzel, ohne sie durch das Schaltwerk zu führen.
- Ziehe sie straff zusammen.
- Füge je nach Herstellervorgabe meist zwei Glieder, also ein Außen- und ein Innenglied, hinzu.
- Bei vollgefederten Mountainbikes und speziellen Schaltungen gelten eigene Regeln. Lies dann die Anleitung des Schaltungsherstellers.
Kette öffnen und alte Kette entfernen
- Mit Kettenschloss: Mit der Kettenschlosszange die beiden Glieder neben dem Schloss zusammendrücken, bis das Schloss sich löst.
- Ohne Kettenschloss: Mit dem Kettennieter einen Nietbolzen herausdrücken. Bei modernen Ketten mit vielen Gängen sollte ein herausgedrückter Bolzen nicht wiederverwendet werden.
Neue Kette montieren
- Kette einfädeln: Führe die neue Kette um das kleinste Kettenblatt und das kleinste Ritzel, dann durch das Schaltwerk, und zwar so, dass sie vor der oberen Führungsplatte und zwischen den Rollen richtig verläuft. Achte darauf, dass sie nicht außen an einem Steg des Schaltwerks vorbeiläuft.
- Laufrichtung beachten: Manche Ketten haben eine Laufrichtung oder eine Außenseite mit Beschriftung. Diese soll nach außen zeigen.
- Kette kürzen: Die überschüssigen Glieder mit dem Kettennieter abtrennen.
- Kette schließen: - Mit Kettenschloss: Die beiden Schlosshälften einsetzen, zusammenstecken, die Kette so drehen, dass das Schloss oben zwischen Kettenblatt und Ritzel liegt, und dann kräftig auf das Pedal treten oder die Zange verwenden, bis das Schloss hörbar einrastet. - Mit Nietstift: Den Spezialstift mit dem Kettennieter eindrücken, bis er auf beiden Seiten gleichmäßig übersteht, dann den Führungsteil abbrechen.
- Steifes Glied lösen: Nach dem Vernieten ist das Glied oft etwas steif. Biege die Kette an dieser Stelle vorsichtig seitlich hin und her, bis es frei läuft.
Nach der Montage
- Kurbel rückwärts drehen und auf steife Glieder achten.
- Durch alle Gänge schalten. Die Kette sollte sauber laufen und weder im größten Gang zu straff noch im kleinsten zu locker sein.
- Eine neue Kette ist meist ab Werk gefettet. Dieses Werksfett ist oft ein gutes Schmiermittel. Wische nur außen überschüssiges Fett ab.
- Probefahrt: unter Last schalten und prüfen, ob die Kette auf einem Ritzel springt. Springt sie, sind die Ritzel wahrscheinlich ebenfalls verschlissen.
Kette springt nach dem Wechsel? Dann ist die Kassette fällig
Springt die neue Kette unter Last auf den häufig gefahrenen Ritzeln, sind diese Ritzel so abgenutzt, dass sie nicht mehr zur neuen Kette passen. Dann hilft nur eine neue Kassette, manchmal auch neue Kettenblätter. Das ist der Preis für einen zu späten Kettenwechsel. Beim nächsten Mal lohnt es sich, öfter zu messen.
Strategie für Vielfahrer: Ketten rotieren
Manche Vielfahrer nutzen zwei oder drei Ketten abwechselnd und tauschen sie alle paar hundert Kilometer. So verteilt sich der Verschleiß gleichmäßiger, und Kassette und Kettenblätter halten länger. Das funktioniert gut mit Kettenschlössern und gründlicher Reinigung der gerade nicht montierten Kette. Für die meisten Alltagsradler reicht aber regelmäßiges Messen und rechtzeitiges Wechseln.
Besonderheiten bei Nabenschaltung und Pedelec
Bei Nabenschaltungen verschleißt die Kette wegen des geraden Kettenlaufs langsamer. Hier ist neben der Längung die Kettenspannung wichtig: Nach dem Wechsel muss das Hinterrad oder der Kettenspanner so eingestellt werden, dass die Kette leicht durchhängt, aber nicht abspringen kann.
Bei Pedelecs mit Mittelmotor wirken hohe Kräfte auf die Kette. Viele Hersteller bieten dafür besonders robuste E-Bike-Ketten an. Wechsle sie rechtzeitig, denn ein abgenutzter Antrieb kann bei voller Motorunterstützung plötzlich durchrutschen.
Fazit
Kettenverschleiß zu messen dauert eine Minute und kostet mit einer einfachen Lehre fast nichts. Wer seine Kette rechtzeitig bei etwa 0,5 bis 0,75 Prozent Längung wechselt, schont Kassette und Kettenblätter und spart über die Jahre viel Geld. Die Montage einer neuen Kette ist mit Kettennieter und Kettenschloss gut selbst machbar. Achte auf die passende Breite, die richtige Länge und ein sauber geschlossenes Schloss, dann läuft der Antrieb wieder wie neu.